Seite 67 - Der gro

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Kapitel 4: Die Waldenser
Inmitten der Dunkelheit, die sich während der langen päpstlichen
Herrschaft über die Erde lagerte, konnte das Licht der Wahrheit
nicht völlig ausgelöscht werden. Zu jeder Zeit gab es Zeugen für
Gott — Menschen, die den Glauben an Christus als den einzigen
Vermittler zwischen Gott und den Menschen werthielten, denen die
Bibel als einzige Richtschnur des Lebens galt und die den wahren
Sabbat feierten. Wieviel die Welt diesen Menschen schuldet, wird
die Nachwelt nie erkennen. Sie wurden als Ketzer gebrandmarkt, ihr
Charakter verleumdet, ihre Beweggründe angefochten, ihre Schriften
unterdrückt, mißdeutet oder entstellt; dennoch standen sie fest und
bewahrten von Jahrhundert zu Jahrhundert ihren Glauben in seiner
Reinheit als heiliges Erbteil für die kommenden Geschlechter.
Die Geschichte des treuen Volkes Gottes während der langen
Zeit der Finsternis, die dem Beginn der Oberherrschaft Roms folgte,
steht im Himmel verzeichnet, aber in den menschlichen Berichten
wird ihr nur wenig Platz eingeräumt. Außer den Anklagen ihrer
Verfolger zeugen nur wenige Spuren von dem einstigen Dasein die-
ser Menschen. Es war Roms Verfahrensweise, die geringste sich
zeigende Spur einer Abweichung von seinen Grundsätzen oder Ver-
ordnungen radikal auszulöschen. Alles ketzerische, ob Menschen
oder Schriften suchte es auszutilgen. Geäußerte Zweifel oder Fragen
hinsichtlich der Autorität der päpstlichen Glaubenssätze genügten,
daß Reiche oder Arme, Hohe oder Niedrige ihr Leben verwirkten.
Rom war bemüht, jeden Bericht über seine Grausamkeiten gegen
Andersgläubige zu vernichten. Päpstliche Konzilien beschlossen,
daß Bücher und Aufzeichnungen derartigen Inhalts den Flammen
zu übergeben seien. Vor Erfindung der Buchdruckerkunst gab es nur
wenige Bücher, die sich zudem kaum zur Aufbewahrung eigneten;
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daher fiel es Rom nicht schwer, seine Absicht zu verwirklichen.
Keine Gemeinde innerhalb der Grenzen der römischen Gerichts-
barkeit blieb lange ungestört im Genuß der Gewissensfreiheit. Kaum
hatte das Papsttum Macht erlangt, als es schon seine Arme ausstreck-
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