Seite 193 - Auf den Spuren des gro

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Die Heilung des Geistes
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Mitgefühl
Bei der Behandlung psychosomatischer Erkrankungen ist große
Weisheit vonnöten. Ein verletztes, krankes Herz und ein entmutigter
Geist brauchen eine schonende Behandlung.
Oft frißt sich gravierender häuslicher Ärger wie ein Krebsge-
schwür in die Seele und schwächt die Lebenskraft. Und manchmal
liegt der Fall so, daß Reue über Sünden die Konstitution untergräbt
und den Geist aus dem Gleichgewicht bringt. Hier braucht man
großes Einfühlungsvermögen, das dieser Patientengruppe wohltut.
Der Arzt sollte zuerst ihr Vertrauen gewinnen und sie dann auf den
Großen Arzt hinweisen. Wenn ihr Glaube auf den wahren Arzt aus-
gerichtet werden kann, und sie darauf vertrauen können, daß er sich
ihres Falles angenommen hat, wird dies dem Geist Erleichterung
und damit oft auch dem Körper Heilung verschaffen.
Sympathie und Taktgefühl werden bei dem Kranken oft mehr
bewirken als die sorgfältigste Therapie, die in einer kalten und gleich-
gültigen Weise ausgeübt wird. Wenn ein Arzt auf relativ lässige Art
an das Krankenbett tritt und auf den Leidenden einen gleichgülti-
gen Eindruck macht, dann in Wort oder Tat den Eindruck erweckt,
daß der Fall keiner großen Aufmerksamkeit bedarf, und schließlich
den Patienten seinem eigenen Grübeln überläßt, hat er ihm objek-
tiv Schaden zugefügt. Der Zweifel und die Entmutigung, die von
solcher Gleichgültigkeit hervorgerufen werden, werden die guten
Wirkungen der Heilmittel, die der Arzt verordnen mag, wieder auf-
heben.
Wenn sich Ärzte mehr in diejenigen hineinversetzen könnten,
deren Leiden ihren Geist niedergedrückt und den Willen geschwächt
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hat und die sich nach Worten des Mitleids und der Ermutigung
sehnen, wären sie eher imstande, deren Gefühlen gerecht zu werden.
Wenn mit dem ärztlichen Fachwissen die Liebe und das Mitgefühl
verbunden werden, die Christus den Kranken gegenüber offenbarte,
wird bereits die bloße Gegenwart des Arztes ein Segen sein.
Offenheit im Gespräch mit einem Patienten vermittelt Vertrauen
und stellt so eine wichtige Hilfe zur Genesung dar. Manchmal hal-
ten es Ärzte für klüger, dem Patienten Ursache und Schwere seines
Leidens zu verheimlichen. Sie befürchten, den Patienten durch eine
Bekundung der Wahrheit aufzuregen oder zu entmutigen. Dabei